Der Wermutanbau

Zu Beginn wurden in den Brennereien nur geringe Mengen Absinth hergestellt, und das vor allem aus Gründen des Rohstoffmangels: es gab nur wenige Gärten, in denen Wermutkraut angebaut wurde.

 


Aber langsam entwickelte sich der Wermutanbau im ganzen Tal, insbesondere Boveresse mit seinen 30 ha Anbaufläche avancierte zur…Welthauptstadt des Wermutanbaus…Die Bauern hier produzierten Wermutkraut höchster Qualität, das von den Brennereien besonders geschätzt wurde, und erwirtschafteten damit beachtliche Einnahmen. Die Pflanze ist allerdings auch sehr anspruchsvoll und pflegeintensiv, wobei die aufwändigste Arbeit im Jäten bestand…Auf Säcken knieten Tag für Tag ganze Familien im Feld, um das Wermutkraut per Hand von Unkraut zu befreien, denn bei der Ernte durften sich keine fremden Gewächse untermischen...

Nach der Ernte wurde das Wermutkraut fünf bis sechs Wochen im Schatten getrocknet. Aber die Trocknungskapazitäten in den Dachböden der Bauernhäuser reichten bald schon nicht mehr aus, so dass einer der größten Produzenten in Boveresse, Auguste Barrelet, 1893 gemeinsam mit seinen Brüdern Henri und Alexis eine eindrucksvolle Trockenscheune aus Holz baute…Le grand séchoir des Cises…Damals hatte die Absinth-Produktion Hochkonjunktur, und die Gebrüder Barrelet hatten sich als wichtigster Kräuterhändler und Hauptlieferant der Brennereien des Val-de-Travers und von Pontarlier etabliert.

Die Gemeinde Boveresse mit ihren 300.000 m² Anbaufläche hatte einen guten Ruf für die hohe Qualität der hier erzeugten Kräuter - Wermutkraut, Zitronenmelisse, Pfefferminze und Ysop, die als Zutaten für den…Tee von Boveresse…gebraucht wurden, wie Absinth auch im Volksmund genannt wurde.

Aber die Zeiten, da man hier diese magischen Kräuter anbaute, trocknete und abpackte, sind vorbei, die Felder von einst sind heute nur noch einfache Wiesen und Weiden. Von der Glanzzeit geblieben ist nur die alte Trockenscheune, die mittlerweile unter Denkmalschutz gestellt wurde. Boveresse ist schon lange nicht mehr …das Paradies des Wermutkrauts

Seit Juni 2002 gibt es jedoch wieder einen Hoffnungsschimmer: Wermut bzw. auf Latein Artemisia blüht wieder im Val-de-Travers. Die Behörden genehmigten den Anbau von 25.000 Pflanzen Wermumtkraut, 1.000 Ysop-Pflanzen und 1.000 Zitronenmelisse-Pflanzen auf vier Feldern, davon zwei in Boveresse. Natürlich sind diese 3.000 m2 kein Vergleich zu den 300.000 m2 aus dem Jahre 1908, aber…wer weiß…vielleicht entwickelt sich Boveresse eines Tages wieder zur Hauptstadt des Wermutanbaus wie damals?...Träumen ist schließlich nicht verboten…

 

Fleurier, am 1.3.2005 / NG