Trinkritual

Wenn Du einen „Bleue“ von uns trinken willst, brauchst Du Deine fünf Sinne. Dein Gehör, zu dem Zeitpunkt, wenn Du das Wasser eingießt. Du musst die Karaffe schön hoch halten und das Wasser ganz vorsichtig eingießen bzw. regelrecht einträufeln. Ein ganz dünner Wasserstrahl, der an das Plätschern einer Quelle oder an eine ans Ufer schwappende kleine Welle erinnert. Lass Dir Zeit; Leuten, die es zu eilig haben, gelingt nie ein guter Absinth.

Danach das Auge. Zu dem Zeitpunkt, da das Wasser mit dem Absinth zusammentrifft und ihn eintrübt, entstehen wie in einer schönen Liebesgeschichte opalfarbene Windungen, die sich langsam in goldenen Spiralen bis zur Oberfläche drehen. Lass Dir dieses Spektakel nicht entgehen, genieße es, nur ein achtloser Mensch schenkt ihm keine Aufmerksamkeit.

Was den Geruch angeht, brauchst Du Dir keine Gedanken zu machen, er explodiert regelrecht aus dem Glas, so dass Deine Tischnachbarn, denen Du nichts gesagt hast, Dich fragen werden: „Wie hast Du das geschafft?“ Duftnoten von Anis und Absinth verteilen sich im Haus und sind noch bis auf der Straße wahrzunehmen. Sie erinnern an die Garrigue-Strauchlandschaften der Provence, an die Almwiesen des Haut-Jura und an sagenumwobene Wälder, in denen es noch Feen gibt.

Beim Geschmack erkennt man den wahren Experten, der den Unterschied zwischen einem echten Absinth aus dem Val de Travers und einem nachgeahmten Produkt erkennt. Ein echter „Bleue“ explodiert förmlich am Gaumen, wie ein Feuerwerk, das nach und nach die Aromen seiner verschiedenen Bestandteile freisetzt: Anis, Fenchel, Minze. Und ein etwas herber, charakteristischer Nachgeschmack, der im Mund verbleibt, der des großen und kleinen Wermuts, der das Getränk so unverkennlich und einzigartig macht...

Aber auch das angenehme Gefühl, Dein Glas in der Hand zu halten und immer wieder zu drehen, gehört zum Trinkritual. Bei dem Du Deinen Freunden Absinth-Geschichten erzählst, denn wie Du sicher schon bemerkt hast, wirst Du beim Trinken eines Weines oder anderen Getränks nicht immer unbedingt von diesem sprechen wollen, wohingegen eine Runde Absinth immer unwillkürlich zu Geschichten und Legenden rund um die Grüne Fee anregt...

 

Pierre-André Delachaux Lettres à un amateur d’absinthe 2002